Gerhard Mehrke
Neu-Ulm

Nachrichten

 

  • Zum Wohle der Derivaten

    Wenn die Börsenkurse fallen,
    regt sich Kum mer fast bei allen,
    aber manche blühen auf:
    Ihr Rezept heißt Leerverkauf.
     
    Keck verhökern diese Knaben
    Dinge, die sie gar nicht haben,
    treten selbst den Absturz los,
    den sie brauchen – echt famos!
     
    Leichter noch bei solchen Taten
    tun sie sich mit Derivaten:
    Wenn Papier den Wert frisiert,
    wird die Wirkung potenziert.
     
    Wenn in Folge Banken krachen,
    haben Sparer nichts zu lachen,
    und die Hypothek aufs Haus
    heißt, Bewohner müssen raus.
     
    Trifft`s hingegen große Banken,
    kommt die ganze Welt ins Wanken –
    auch die Spekulantenbrut
    zittert jetzt um Hab und Gut!
     
    Soll man das System gefährden?
    So muss eingeschritten werden:
    Der Gewinn, der bleibt privat,
    die Verluste kauft der Staat.
     
    Dazu braucht der Staat Kredite,
    und das bringt erneut Profite,
    hat man doch in jenem Land
    die Regierung in der Hand.
     
    Für die Zechen dieser Frechen
    Hat der kleine Mann zu blechen
    und – das ist das Feine ja –
    Nicht nur in Amerika!
     
    Und wenn Kurse wieder steigen,
    fängt von vorne an der Reigen –
    ist halt Umverteilung pur,
    stets in eine Richtung nur.
     
    Aber sollten sich die Massen
    Das mal nimmer bieten lassen,
    ist der Ausweg längst bedacht:
    Dann wird bisschen Krieg gemacht.



    Kurt Tucholsky, 1930, veröffentlicht in „Die Weltbühne“   

  • Keine Ahnung, oder die höhere Form des Nichtwissens

    << Nach einer Weile räusperte sich Cutangle behutsam.

    „Für mich sieht die ganze Sache folgendermaßen aus“, sagte er langsam.

    „Bevor ich ihm zuhörte, ähnelte ich allen anderen. Verstehst du, was ich meine?

    Ich war verwirrt und unsicher in Bezug auf einige bestimmte Einzelheiten des Le­bens an sich. Aber jetzt“, — Cutangles Miene erhellte sich —, „bin ich zwar immer noch verwirrt und unsicher, doch auf einer höheren Ebene.

     Wenigstens weiß ich nun, dass ich von den wirklich fundamentalen und wichtigen Geheimnissen des Universums nicht die geringste Ahnung habe.“

    Treatle nickte. „Diese Perspektive ist mir neu“, gestand er ein. „Aber du hast völlig recht. Simon hat die Grenzen der Unwissenheit erweitert. Im Kosmos gibt es vieles, von dem wir überhaupt nichts ahnen.“

    Die beiden Männer sonnten sich in dem herrlichen Gefühl, weitaus weniger zu wissen als gewöhnliche Leute, die nur von gewöhnlichen Dingen nichts wussten. >>

     Aus „Equal Rites“, Terry Pratchett


  • Gefahr ist nicht gleich Gefahr.

    Ein Afghane wurde gefragt, wie man denn in einem Land leben könne, in dem es so viele Tote durch Terrorismus gibt.
    Hierzu ein Zahlenvergleich:
    Deutschland 2018: Von Januar bis Juli 2018 erfasste die Polizei insgesamt 1,5 Millionen Straßenverkehrsunfälle. Darunter waren 175.200 Unfälle mit Personenschaden, bei denen 1.802 Menschen getötet wurden.
    Afghanistan: Nach einem von der UN-Mission UNAMA veröffentlichten Bericht sind von Januar bis Ende September mindestens 1065 Zivilisten durch Selbstmordattentäter, Autobomben oder versteckte Sprengsätze getötet und weitere 2569 verletzt worden.  
    Einwohner Deutschland: 83 Mill. - Einwohner Afghanistan: 36 Mill. Daraus errechnet sich:
    Deutschland: Auf 100.000 Einwohner kommen 2,17 Tote. Afghanistan: Auf 100.000 Einwohner kommen 2,95 Tote. Daraus folgt, dass die Wahrscheinlichkeit in Deutschland einem Verkehrsunfall zum Opfer zu fallen, fast genauso groß ist, wie in Afghanistan von einer Bombe getötet zu werden. (Wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, in Afghanistan in einem Verkehrsunfall zu sterben, sei mal dahingestellt.)

 

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